# Warum Russen die Nordsee nicht verstehen
Mein Name ist Tatjana und ich habe die ersten zehn Jahre meines Lebens auf der Krim verbracht.
Urlaub war bei uns ein sehr einfaches Konzept: Man fährt ans Schwarze Meer. Das Wasser ist warm, man geht rein, man geht wieder raus, legt sich in die Sonne, wird braun, isst Schaschlik – fertig. Als Kind war ich fest davon überzeugt, dass das die einzig richtige Art ist, Urlaub zu machen.
Dann lernte ich einen Deutschen kennen.
Ich heiratete ihn, wir bekamen Kinder und seitdem tauschte ich Weinberge gegen Kühe, türkisblaue Buchten gegen Schlick und die Strandliege gegen… den Strandkorb.
Wir fahren an die Nordsee.
Die Nordsee ist ein bisschen wie deutsches Essen. Eigentlich richtig gut – aber man muss sie erst verstehen.
Meine russischen Verwandten und Bekannten haben dieses Verständnis bis heute nicht entwickelt. Jedes Mal, wenn das Thema Urlaub aufkommt und ich nur ganz vorsichtig das Wort „Nordsee“ erwähne, schauen sie mich an, als hätte ich erzählt, dass wir dieses Jahr freiwillig Urlaub auf einem Parkplatz machen.
„Da ist doch nur Wind!“
„Das Wasser ist kalt!“
„Das Meer ist weg!“
„Warum fährt man da freiwillig hin?“
Das Schönste daran: Keiner von ihnen war jemals dort.
Lange konnte ich gar nicht erklären, warum die Nordsee für Russen so befremdlich wirkt. Bis heute.
Ich saß gemütlich in meinem Strandkorb, eingewickelt in eine Decke, weil es Ende Juli gefühlte neun Grad hatte. Da hörte ich plötzlich russische Stimmen.
Ein Paar lief am Strand entlang.
Der Mann blieb stehen, zeigte auf die Strandkörbe und sagte:
„Komm, wir holen uns auch so eine Bude!“
Eine Bude.
Nicht Strandkorb.
Bude.
Und plötzlich machte es *klick*.
Genau das ist es!
Für Deutsche ist das ein Strandkorb.
Für Russen ist das eine Holzbude.
Und plötzlich ergibt die ganze Nordsee Sinn.
Man fährt nämlich gar nicht an den Strand.
Man bezieht eine nummerierte Holzbude, richtet sich häuslich ein, baut den Windschutz auf, hängt die Jacken auf, verstaut die Kekse, budelt einen tiefen Graben, damit der Nachbar bloss einem nicht zu nah kommt, setzt sich bequem hin und wartet gemeinsam darauf, dass das Meer irgendwann vielleicht mal vorbeikommt.
Und trotzdem muss ich zugeben:
Irgendwann passiert etwas Merkwürdiges.
Man fängt an, den Wind zu mögen. Man mag das Schlick. Man liebt den Strandkorb.
